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Vortrag: Vom Schreien zur Sprache


Die „Kuh“ ist die „Tuh“, anstatt „Roller“ heißt es „Loller“. Ist das normal? Was ist eigentlich normal? Wann sollten Eltern im wahrsten Sinne des Wortes hellhörig werden? Die sprachliche Entwicklung von Kindern stand jetzt im Mittelpunkt eines Vortrags der aktuellen Reihe „Rund um die Familie“ im Landratsamt Unterallgäu. Organisiert werden die Vorträge seit rund 20 Jahren von der Schwangerenberatungsstelle im Gesundheitsamt, von Kreisjugendamt und katholischer Jugendfürsorge. Die Logopädinnen Sabine Schwab, Martina Proksch und Susanne Teichert betonten, dass sich jedes Kind ganz individuell entwickle: „Ein Schema F gibt es nicht.“ Dennoch durchlaufe die sprachliche Entwicklung verschiedene Phasen und es gebe bestimmte Meilensteine zur Orientierung. Bei offensichtlichen Verzögerungen empfahlen sie, rechtzeitig zu handeln.

Einen Überblick über die „Meilensteine“ gab Sabine Schwab: Nach einer Schreiperiode nach der Geburt gebe es zwei „Lallphasen“. In diesen würden die Sprechwerkzeuge getestet. Wichtig: Wenn ein Kind in der zweiten Lallphase, etwa ab dem sechsten Lebensmonat, auf einmal verstummt, so sei dies ein deutlicher Hinweis auf eine Schwerhörigkeit oder gar Taubheit. Das Sprachverständnis entwickle sich etwa ab dem achten oder neunten Lebensmonat. Dann verstehe ein Baby zwar noch keine ganzen Sätze, aber etwa „Oma“, „Ball“ oder „Auto“. „Erst wenn ein Kind etwa 50 Wörter versteht, spricht es selbst sein erstes Wort“, so Schwab. Dies passiere meist um den ersten Geburtstag. Bis zum zweiten Geburtstag sollte ein Kind dann mindestens 50 Wörter und so genannte Zwei-Wort-Sätze sprechen können. Als Wort gilt dabei, wenn etwas klar benannt wird - auch wenn es nicht korrekt ausgesprochen ist. Sind 50 Wörter im aktiven Wortschatz vorhanden, dann komme es bei den Kindern zu einer regelrechten „Wortschatzexplosion“, erklärte die Logopädin. Um den vierten Geburtstag sollten Kinder Grammatikregeln sicher anwenden können; Probleme mit der Aussprache von Zischlauten und Fehler bei komplexeren Satzstrukturen seien aber durchaus noch erlaubt. Erst im Alter von etwa sechs Jahren sei die sprachliche Entwicklung komplett abgeschlossen.

Die Expertin empfahl, ein „Wort-Tagebuch“ zu führen, in dem gerade im zweiten Lebensjahr sämtliche Worte des Kindes notiert werden. Zum einen sei es später immer wieder lustig, diese gemeinsam mit dem Kind nachzulesen, zum anderen könne ein solches Tagebuch sehr hilfreich sein, um die Entwicklung nachzuverfolgen. „Meistens sprechen die Kinder mit zwei Jahren schon mehr als man denkt“, betonte Schwab. Positiv beeinflussen können Eltern die sprachliche Entwicklung ihrer Kinder, indem sie beispielsweise viel mit ihnen sprechen, sie mithelfen lassen, aber auch durch gemeinsame Spiele, durch häufiges Vorlesen, durch Kinderlieder, Kinderreime und Rollenspiele, erklärte Susanne Teichert und stellte verschiedene Brettspiele und Bücher vor.

Verzögert sich die sprachliche Entwicklung, so kann dies laut Martina Proksch verschiedenste Ursachen haben - manchmal liege es an einer Schwerhörigkeit oder an der psychomotorischen Entwicklung, manchmal an Fehlbildungen im Mundbereich wie einer gestörten Funktion des Gaumens, manchmal an mangelnder sprachlicher Anregung oder an einer Sprechstörung der Eltern. Die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sollen dabei helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen und bei Bedarf rechtzeitig eine Therapie zu beginnen. Eines betonten die Referentinnen dabei mehrfach: „Eltern sind die Spezialisten für ihr Kind. Wenn sie ein schlechtes Gefühl haben, dann lassen sie es von einem Spezialisten überprüfen.“ Bereits ab einem Alter von 24 Monaten könne ein Logopäde helfen.

Übrigens: „Tuh“ statt „Kuh“ ist bei einem Zwei- bis Dreijährigen okay, ab vier Jahren nicht mehr.

Info: Ende des Jahres erscheint das Buch „Die Eule und der Frosch im Hals“ von Sabine Schwab. Darin geht es um die lautsprachliche Entwicklung von Kindern und verschiedene Übungen, um Kinder fit für die Schule zu machen.